Die Sailing Conductors dirigieren auf Klein Curaçao

Glückliche Seemänner auf dem Weg nach Kolumbien

Alle guten Dinge sind drei! Und deshalb hier der dritte Reisebericht, mit Gymnasiasten-Weisheiten vollgestopft. Nach Erwartungen und Entschleunigung jetzt die thematische Weiterführung zum Thema Glück. Wer als erstes das richtige Zitat der Hamburger Gymnasiallyriker von Kettcar in die Kommentare postet, bekommt unsere CD im Seesack nach Hause geschickt!

Oft weiß man ja eigentlich erst hinterher, wie gut man es gehabt hat. Es gibt Leute, die sehnen sich zurück in ihre Kindheit, die anderen in die Schule und dann noch welche zurück in die Studiums-Zeiten. Das kann ich persönlich hier jetzt so nicht unterschreiben, auf der „Segelyacht“ in der Karibik… Nein, ich muss zugeben: Das hier ist die schönste Zeit und das größte Glück meines/unseres Lebens.

Glück #1 – Maschine läuft

Trinidad und Tobago können wir doch tatsächlich noch im Sonnenuntergang und unter laufender Maschine verlassen. Mit gemütlichen fünf Knoten tuckern wir so von Chaguaramas (auch Drag-uaramas genannt, die Segler wissen, was gemeint ist) durch den Drachenschlund der vorgelagerten Huevos Inseln, wo wir vor sechs Wochen zweieinhalb Tage sinnlos herumgetrieben sind und dann geht es eigentlich auch schon los.

Ein letzter Blick auf Chaguaramas, Trinidad und Tobago
Ein letzter Blick auf Chaguaramas, Trinidad und Tobago
Im Sonnenuntergang und endlich repariertem Motor kurz vor dem Dragons Mouth
Im Sonnenuntergang und endlich repariertem Motor kurz vor dem Dragons Mouth

Glück #2 – Wind und Strömung

Wir drehen auf Raumschots, Spinnaker-Baum raus, Genua hoch, Motor aus, Selbststeuerungsanlage ran und da ist es, das Gefühl, das süchtig macht. Mit Maximalgeschwindigkeit zieht Marianne ohne unser Zutun durch die Nacht, das Wasser rauscht am Rumpf vorbei und wir stehen auf dem Vorschiff und genießen die rasante Fahrt in der schwarzen Suppe – unser Navi verrät uns dann, dass die Fahrt über Grund sogar noch einen Knoten schneller ist. Als wäre das noch nicht genug, taucht aus dem Nichts eine Gruppe von Delfinen auf und tänzelt zu dem wummernden Beat unseres Minimal-Techno vor Mariannes Bug herum.

Die Selbststeuerungsanlage macht, was sie soll und wir können entspannen
Die Selbststeuerungsanlage macht, was sie soll und wir können entspannen

Glück #3 – Keine Piraten

Eigentlich wollten wir ja auch einen Hafen von Venezuela ansteuern, doch viele Segler haben uns auf Grund der aktuellen Piratenangriffe davor gewarnt. Da ist natürlich viel Seemannsgarn dabei, doch nach dem wir Rob aus Irland kennen gelernt haben, der gerade aus Venezuela kam und dem eine Pistole an den Kopf gehalten wurde, während die Piraten alles aus seinem Boot geräumt haben, entscheiden wir uns doch für einen größeren Bogen um die Küste Venezuelas.

Wir haben in der Nacht schon ordentlich Strecke gemacht, als im Morgengrauen, etwa zwanzig Meilen vom Land entfernt, plötzlich ein kleines Motorboot mit fünf/sechs Menschen und hoher Geschwindigkeit auf uns zu hält. Die sehen nicht wirklich aus wie Fischer und haben auch kein Zeug zum Fischen dabei. Das Boot ist eigentlich auch für die offene See viel zu klein, aber ein „Mutterschiff“ kann ich auch nicht erkennen. Alles viel zu seltsam und als ich den Captain wecke, muss ich mich schon sehr anstrengen, die in mir aufkommende Panik für mich zu behalten. Harpune? Schlagstock? Silversterknaller? Kampflos aufgeben? Ich bereite mich unter Deck auf das Ende vor, während Benni von draußen den Jungs zuwinkt, nein, wir wollen keinen Fisch kaufen und da drehen sie auch schon ab, mit ihren beiden pinken Außenbordmotoren.

Glück # 4 – Paradies auf dem Umweg

Kurz vor Abfahrt hatte mir noch Corinna von der „SY Ivalu“ den Tipp gegeben, wir sollten doch auf Klein Curaçao unbedingt Stopp machen. Für sie war es auf der Reise einer der schönsten Orte und dort gäbe es nichts außer einem Leuchtturm, einem Wrack und Schildkröten. Wir sind ja sonst eher so die Großstadtsegler, aber nun sind wir so schnell unterwegs, dass wir jeden Tag knapp hundertvierzig Seemeilen zurücklegen (das ist so in etwa die Strecke von meiner Heimat Rostock bis nach Berlin) und zeitlich ruhig einen kleinen Umweg einschieben können. Die Freude ist groß, als Klein Curaçao nur noch eine Nacht entfernt im Westen liegt und plötzlich ein dicker Fisch an unserer Angel hängt. Hach, beim Einholen läuft mir das Wasser im Mund zusammen, was für ein Timing, morgen machen wir ein schönes Lagerfeuer am Strand und es gibt gegrillten Fisch, wir ganz alleine auf einer karibischen Insel, wenn wir doch nur noch Bier hätten… und da reißt die Leine.

Der Leuchtturm von Klein Curaçao
Der Leuchtturm von Klein Curaçao

Am nächsten Morgen sehen wir schon aus einiger Entfernung den Leuchtturm, das Wrack und bei den ersten geschwommenen Zügen im türkisblauen, achtundzwanzig Grad warmen Wasser, um die Leinen an der Boje festzumachen auch gleich eine Schildkröte. Doch es kommt noch besser!

Unser Anker im klaren Wasser
Unser Anker im klaren Wasser
Da isse, die Schildröte!
Da isse, die Schildröte!

Wir dachten ja (Wikipedia übrigens auch), die Insel wäre unbewohnt, doch als wir ein paar Hütten erkennen, rattert es in meinem Kopf. Curaçao? Gehören die nicht zu Holland? Ob man da wohl mit Euro bezahlen kann? Sollten wir zu unserem Glück etwa Bier kaufen können, hier, auf dieser eigentlich unbewohnten Insel? Voller Vorfreude marschiere ich zu den Hütten, aha, „MY irgendwas“ steht da, das ist hier wohl so ein Ausflugsziel, und ja, dort liegt jemand in einer Hängematte – Halloooo! – und noch bevor ich meinen Namen sagen kann, antwortet es, nein, befiehlt es mir: „Nimm dir ein Bier!“

Gutschieta, der einsame Inselverwalter
Gutschieta, der einsame Inselverwalter

Bei einem kühlen Bier erzählt uns Gutschieta (so, oder so ähnlich geschrieben), dass hier drei Mal in der Woche ein Boot mit hundertfünfzig Touristen anlegt und er für die Leute dreißig Kilo Burger, dreißig Kilo Rippchen und dreißig Kilo Hähnchen grillt. Gutschieta kann „eine kleine wenig Deutsch spreche, aber l-a-n-g-s-a-m!“ und erzählt etwas von Kartoffelsalat. Super Idee! Anstatt des nicht gefangenen Fisches machen wir einen ordentlichen, deutschen Kartoffelsalat nach Insel-Art. Alle Zutaten kommen entweder auf, oder in Alufolie gewickelt, in den Grill, (beinahe hätte ich auch die Eier gegrillt – hat das schon mal jemand gemacht?), schön Majo, Gurken und Tamarindt Sauce dazu. Gutschieta haut ordentlich rein, schmatzt und macht Geräusche des körperlichen Glückes wie „Mhhhh“ und nimmt sich noch mal nach.

Hinterher erzählt er, dass er eigentlich drei Mal in der Woche auch kiloweise Kartoffelsalat geliefert bekommt und Kartoffelsalat eigentlich nicht mehr sehen kann. Und wir machen ausgerechnet: Kartoffelsalat! Nach dem Essen haut er sich wieder in seine Hängematte und wir setzen uns mit zwei Stühlen in die erste Reihe an den Strand, trinken ein paar Bier und freuen uns über das türkise Wasser in der fast Vollmond hellen Nacht. Auf der Insel nur wir zwei, Gutschieta und hunderte kleiner „Pagurus bernhardus“, Einsiedlerkrebse in Schneckenhäusern. Jedes Mal, wenn man beim Bierholen an ein paar Dutzend dieser Müllbeseitiger vorbei geht, ziehen sie sich blitzschnell in ihre Häuser zurück, was auf dem Steinboden ein klickendes Geräusch macht. Klick, klick, klickklick, klick.

Unzählige Einsiedlerkrebse
Unzählige Einsiedlerkrebse

Glück #5 – Lässt auf sich warten

Am nächsten Tag wollen wir das volle Touristenprogramm mitmachen. Rippchen essen, Bier trinken und das bunte Treiben beobachten. Doch erst mal müssen wir die Boje wechseln, denn wir liegen an der Boje des Bootes, das Touristen und Rippchen bringt. Kaum bin ich wieder trocken und habe eine Tasse Kaffee in der Hand, kommt auf ein Mal ein Katamaran mit noch mehr Touristen an und scheucht uns von „seiner“ Boje weg. Das ist natürlich ärgerlich, und wie sich hinter herausstellt, auch noch gelogen. War gar nicht seine Boje!

vlcsnap-2013-11-17-13h04m57s60

vlcsnap-2013-11-17-13h08m27s112

An Land hat Gutschieta alle Hände voll mit dem Grill zu tun und wir werden unfreundlich von einem Crew Mitglied darauf hingewiesen, dass das hier Privatgrundstück wäre. Nach dem Motto „kein Bier vor vier“ müssen wir warten, bis die Meute wieder gen Curaçao ablegt und vertreiben uns die Zeit mit ein paar witzigen Fotos. Kaum ist der letzte an Bord kommen wir aus unserem Versteck, stürzten uns auf die Kühltruhe, Gutschieta ruft aus der Ferne „Nehmt euch ein Bier!“, da hatten wir schon jeder eins in der Hand. Kurz darauf holt er die letzten Rippchen und Bouletten, die er extra in Alufolie verpackt für uns aufbewahrt hat. Normalerweise nimmt das Boot die Reste alle wieder mit, denn Gutschieta isst selbst keine Rippchen mehr, nach zehn Jahren auf der Insel.

Die Sailing Conductors dirigieren auf Klein Curaçao
Die Sailing Conductors dirigieren auf Klein Curaçao
Vielen Dank an den besoffenen Franzosen für dieses Fotomotiv!
Vielen Dank an den besoffenen Franzosen für dieses Fotomotiv!
Da verschwinden sie endlich wieder...
Da verschwinden sie endlich wieder…

vlcsnap-2013-11-17-15h39m43s242

Wir trinken noch ein paar Bierchen mit ihm zusammen und wollen im Sonnenuntergang dann die Segel nach Kolumbien setzen. Als wir gehen wollen, holt er noch ein Sixpack für unseren Kühlschrank und ein „Wegebier“ müssen wir auch noch mitnehmen. Das trinken wir dann bei unserem Schlauchboot und beobachten aus der Entfernung das rege Treiben einer Gruppe Holländer, von etwa fünfzehn Leuten, die sich anscheinend auf ein alkohollastiges Surf-Grill-Tauch-Paddel-Wochenende vorbereiten.

Fleißig wie die Bienchen tragen sie die Bierchen
Fleißig wie die Bienchen tragen sie die Bierchen

Als die Jungs und Mädels fertig sind mit Schleppen, kommt einer rüber und fragt ob wir uns dazugesellen wollen… tja. Los? Mitmachen? Zeitdruck? Bier? Ist doch so schön hier! Alle sind super nett und wir entscheiden uns dazu zu bleiben, holen unsere Gitarren und werden überschwänglich mit Bier versorgt. Eine lustige Nacht, in der wir doch noch zu unserem Lagerfeuer kommen. Gegen zwei Uhr löst sich die Gemeinschaft dann langsam auf und wir machen mit unserem Dinghy paddelnder Weise rüber zur Marianne – der „neue“ alte Außenbordmotor wollte nicht anspringen (wir zwar voll, aber der Tank wohl nicht), aber egal, wir haben ja noch vier Bier!

Glück #6 – Das Gesetz drückt ein Auge zu

Während wir den Abend noch ein Mal Revue passieren lassen, steuert aus dem Dunkeln ein Boot auf uns zu. Coast Guard. Oha! Wir haben uns natürlich nicht einklariert, wollten ja erst nicht her und dann eigentlich auch schon längst wieder weg sein. Die Jungs wollen, nicht gerade vorsichtig, längsseits gehen, Benni schnauzt die Leute an, sie sollen doch bitte aufpassen, die Leute „Jaja, das ist ein Schlauchboot, keine Sorge, beruhigen Sie sich!“. So sitzen wir bei einer leicht gereizten Stimmung, in Unterhose mit Bier in der Hand, kurz nach zwei Uhr in der Nacht, dann drei uniformierten und bewaffneten Jungs im Cockpit gegenüber. Benni schafft es aber wieder die Situation zu entschärfen, er liebt die Marianne eben und viele Leute behandeln sie nicht gut, wir hatten schon oft Probleme, die Dame ist zart (und wird auf Grund der Rostflecken ständig mit einem Stahlboot verwechselt) und nicht mehr die Jüngste, wollt ihr ein paar Chips?

Wollen sie nicht, nur die üblichen Papiere, Pässe und eine kurze Führung im Boot. Was ist das da? Er zeigt auf das einzige, exotisch aussehende Ding an Bord – zwei auf einen Stab geschraubte Kokosnüsse, ein Rhythmusinstrument aus Brasilien. Ich führe ihm, immer noch in Unterhose und reichlich angeheitert, das Ding vor. Ich schlage tok tok tik tik tok tok tok tik tik tik – und singe uh ühühüh uhuh ühühüh. Er lacht irre und die drei Jungs ziehen wieder von dannen. Das war es jetzt? Dafür fahren die hier nachts raus? Darauf erst mal noch das letzte Bier…

Glück #7 – Glück im Unglück

Noch vierhundert Meilen bis nach Santa Marta. Wind und Strömung sind wieder auf unserer Seite, zwischenzeitlich wird es ein bisschen dünn, aber Dank unseres Parasailors kommen wir trotzdem gut voran. Der Wind ist konstant, die Selbststeuerungsanlage macht prima, wofür sie gebaut ist, selbst steuern, sodass wir den Schirm auch nachts stehen lassen können. Am Morgen vor der Ankunft, die Sonne ist gerade aufgegangen und ich döse bei meiner Schicht im Cockpit, plötzlich ein seltsames Geräusch, dann ein Klatschen im Wasser, das Boot bleibt abrupt stehen und ich denke, wir wären irgendwo gegen gefahren. Doch beim Blick nach vorne fehlt unserem Boot etwas Entscheidendes – wir haben kein Segel mehr drauf! So ein Scheiß, das Fockfall ist gerissen und der Parasailor liegt im Wasser.

Unser Schirmchen im Sonnenuntergang...
Unser Schirmchen im Sonnenuntergang…

... und nach Sonnenuntergang!
… und nach Sonnenuntergang!

Gemeinsam ziehen wir das Ding wieder an Deck. Und nun? Wieder hoch damit!

Und so kommen wir unbeschadet, kurz nach Sonnenuntergang in Santa Marta an, schmeißen vor der Marina den Anker und klatschen ab: Morgen sind wir in Kolumbien, Land Nummer achtzehn. Alles ist gut, wir sind glücklich.

P1100697

Ein Gedanke zu „Glückliche Seemänner auf dem Weg nach Kolumbien“

Senf dazugeben