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Über den großen Teich – 6 Wochen im Atlantik

Unsere längste Segeletappe liegt hinter uns. 3600 Seemeilen (6667 km) endloses Wasser in allen nur erdenklichen Blautönen. Der große Teich. Der Atlantik.

Der große Teich

Noch vor zwei Jahren, als wir unsere musikalische Segelreise zu planen versuchten und noch mächtig viel grünes hinter unseren Ohren zu finden war, hatten wir ja eigentlich alles ganz anders im Sinn. In 9 Monaten von Sydney durch den Suez Kanal bis nach Berlin. Immer schön brav an der Küste entlang. Weil das ja dann am ungefährlichsten ist und man bei einer Gefahr schnell mal an Land schwimmen kann. Denkste! Wie sind wir noch mal auf 9 Monate gekommen? Hatte ich mich nicht um die Routen- und Zeitplanung gekümmert? Ich war wohl schon halb mit den Gedanken auf einem Segelboot in wilden Stürmen unterwegs. Oder betrunken. Oder beides. Und dann begann irgendwann unser erster Segeltrip von den Salomonischen Inseln nach Papua Neuguinea. Und mit ihm die erste Ozeanüberquerung über den Pazifik. Nicht ganz so weit zwar, aber trotzdem – was war das noch mit „immer an der Küste entlang segeln“? Das wird dann aber wohl auch unsere längste Strecke, die wir fernab von Küsten und ihren Sicherheiten verbringen, dachten wir uns dann. Tja, warum haben wir damals überhaupt versucht, irgendetwas zu planen?

Das grüne hinter den Löffeln ist seitdem etwas abgebröckelt, unser Abenteuer hat sich zeitlich knapp um das 5fache verlängert, wir haben den Pazifik, den Indischen Ozean und nun auch diesen Atlantik überquert. Und haben 30.000 km auf dem Buckel.

Wie kann man sich aber mental auf 5-8 Wochen auf See vorbereiten? Lange Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt, zu Freunden und Familie. Tage, die sich nach kurzer Zeit so sehr gleichen, dass man schnell vergisst, welcher Wochentag es ist und man ertappt sich dabei, dass man Januar denkt, obwohl aber schon Mitte März auf dem Kalender steht. Man kann sich nicht vorbereiten. Es ist und bleibt eine lange Zeit.

All diese Gedanken werden sowieso in der letzten Phase kurz vor Reiseantritt überschattet von der Vorfreude auf den nächsten großen Kontinent, die zukünftigen manchmal unaussprechlichen Ländernamen, die fremden Sprachen und natürlich die Musik und Rhythmen der neuen Musiker. Gleichzeitig sind wir beschäftigt mit Nahrungsbeschaffungsmaßnahmen und beladen unsere Marianne mit soviel Wasser, dass das Boot um knapp 20 cm in die Knie geht und man die rote Wasserlinie schon nicht mehr sehen kann. Egal, Hauptsache, man kann unser Logo noch klar und deutlich erkennen! Auch die guten Zusprüche der anderen Segler helfen, die alle sagen, dass die Atlantiküberquerung von Kapstadt nach Rio bestimmt ein Klacks wird: „Hier blasen die Winde stetig das ganze Jahr und es gibt keine tropischen Stürme. Ihr seid also im Handumdrehen drüben!“. Na, das hört sich doch gut an.

Leinen los! Wir sind guter Dinge. Einzig allein die Tatsache, dass ich in genau 7 Wochen in Rio sein muss, um meinen Flug nach Deutschland zu erwischen, bleibt als ein nervöser Druck im Hinterkopf zurück. Mein Cousin heiratet und da darf ich doch nun wirklich nicht fehlen. Und dank dem kleinen Unfall vor ein paar Tagen, bei unserem ersten Versuch ohne Motor aufzubrechen, haben wir schon eine Woche verloren. Wir hoffen also auf stetige Passatwinde, die ab dem 23. Breitengrad Süd anfangen sollen (sagt zumindest der Cruising Guide) und segeln deshalb etwas nördlicher als wir eigentlich müssten, um so schnell es geht in diesen Bereich zu gelangen. Doch alles kommt natürlich wieder ganz anders als man denkt.

Die ersten 2 Wochen, die windtechnisch eigentlich die unangenehmsten werden sollten, sind super. Wir brechen fast täglich unseren eigenen Meilenrekord in 24 Stunden – das Etmal. Unsere kleine Marianne ist nun mal kein Racer und wenn andere größere Boote oder Katamarane über Tage fluchen, in denen sie nur 200 Meilen (370 km) am Tag schaffen, sind wir die glücklichsten Segler der Welt, wenn wir unsere 100 Meilen (185 km) pro Tag absolvieren. Bisheriger Rekord lag bei 117 Seemeilen, den wir auf der Strecke von Sri Lanka nach Madagaskar geknackt haben. Doch jetzt läuft alles rund und wir brechen einen Rekord nach dem anderen. Erst 119 Meilen gefolgt von 122 Meilen und dann der nächste Tag – 129 Seemeilen! Na, wenn das so weiter geht, sind wir in Nullkommanichts da – denken wir, doch dann kommt der langersehnte und vielversprechende 23. Breitengrad Süd. Und der Wind macht auf Rente. Passatwinde sollten eigentlich konstant zwischen Windstärke 4 und 5 (11 – 21 Knoten) sein. Das ist der Traum eines jeden Blauwasserseglers. Gut, zumindest unser. Dann schaffen wir Maximalgeschwindigkeit, die Selbststeueranlage steuert das Boot problemlos, sodass du das Steuer tage- oder manchmal wochenlang nicht anfassen brauchst, die Bewegungen des Bootes sind angenehm, das Material wird geschont, du kannst dich zurücklegen, beobachten, lesen, Kaffeetrinken, Musik hören, entspannt am Laptop arbeiten, kochen, spülen, schlafen, eine Salzwasser-Eimerdusche nehmen und – hatte ich schon beobachten? Dann ist das Leben schön. Und die Meilen purzeln nur so dahin.

Kaffee
Kaffee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Unsere Passatwinde haben jedoch ihren eigenen Willen. Sie liegen bei Windstärke 2 bis 3 (4 – 10 Knoten). Immerhin sind sie stetig, das muss man ihnen lassen und wir kommen einigermaßen schnell voran. Auch wenn die Segel konstant schlackern. Und das ist fast noch schlimmer als gar kein Wind. Dieses ständige flapp und peng und bumm und das ganze Rigg (Mast und Drahtseile, die den Mast halten) zittert, wenn sich das Segel wieder mit Wind füllt. Wir fühlen mit unserer Marianne und jeder Ruck schmerzt auch uns. Aber was sollen wir machen? Segel runternehmen und gar nicht mehr vorankommen? Keine Option. Andere Segler würden wahrscheinlich jetzt den Motor anschmeißen und tagelang Diesel vergeuden. Wir haben viel zu wenig Diesel und müssen außerdem unseren uralten Motor schonen. Auch keine Option. Also, Zähne zusammenbeißen und unter schlackernden Segeln weiter kriechen.

Passatbesegelung
Die Passatbesegelung – Noch immer unsere schnellste Art zu segeln

2 Wochen geht das so, tagein, tagaus. Dann ist der Wind für 4 Tage komplett weg und wir treiben ohne Segel einfach nur herum. Bei brüllender Hitze. Die kleinste Bewegung und der Schweiß fängt an zu laufen. Und es ist doch nicht mehr weit bis Rio! Noch knapp 1000 Meilen. Man hat das Gefühl man könnte die Stadt schon fast fühlen und riechen. Und dann geht es langsam weiter. Und die Segel schlackern.

Das GPS-Gerät ist ein Fluch, denn man ertappt sich dabei, alle paar Minuten auf das Display zu schauen, um die letzten Meilen bis zum Ziel abzulesen. Als ob die Zahl immer kleiner wird, je öfter man darauf schaut. Und plötzlich zieht uns Rio wie ein Magnet an. Wind kommt auf. Je näher wir kommen, desto stärker wird er. Wir werden immer schneller und fangen wieder an, fast unsere alten Rekorde zu brechen. Und dann sehen wir morgens zum ersten Mal Land. Ein gutes Gefühl. Und auf einmal sind da wieder so viele Schiffe. Überall. Und Öl-Bohrinseln. Nachts sind wir umringt von einem riesigen und hellen Lichtermeer, fast wie eine schwimmende Stadt. Und Schiffe funken uns an, weil wir im Weg sind. Wie seltsam ist dieses Gefühl wieder mit fremden Leuten zu reden! Ich bin total aufgeregt.

Gespräch mit Hamburg Süd
Wir funken mit Hamburg Süd – Trotzdem will uns keiner einen Kasten Bier ins Wasser schmeißen
Hamburg Süd
Erfreuliche Begegnung mit der Heimat

Wir segeln so schnell, dass wir mitten in der Nacht vor der Hafeneinfahrt stehen. Und da unser Motor wieder den Geist aufgegeben hat und wir lieber nicht blind durch das Gewusel von Tankern und Pilotbooten segeln wollen, lassen wir uns bis zum Morgengrauen treiben. Und dann ist der Wind 3 Meilen vor dem Yachthafen tot. 6 Stunden versuchen wir irgendwie voranzukommen, aber keine Chance. Die Strömung ist stärker und wir sind am Ende. Was ist eigentlich los mit diesem Wetter? Ist es die globale Erwärmung? Liegt es an uns? Oder was ist da los! Wir wollen abgeschleppt werden, versuchen zu funken, aber die Marina meldet sich nicht. Ich rufe mit unserem Satellitentelephon an, aber leider bietet der Yachtclub keinen Abschleppservice an.

Sat Phone
Nur noch 3 Meilen und kein Motor – Kann uns vielleicht jemand abschleppen? Wir rufen mit unserem Satellitentelefon an

Also warten. Irgendwann sehen wir ein kleines Boot, das Menschen von einem Tanker abholt. Hannes ist an der Funke, ich stehe an Deck und winke wie ein Verrückter. Und es hilft. Das Boot kommt langsam näher und nach wenigen Minuten haben wir die Burschen überredet – ich werfe ein Seil herüber. Jetzt ist es fast geschafft. Überglücklich, aber hochkonzentriert versuche ich unsere Marianne hinter dem Motorboot möglichst gerade zu halten, damit das Seil nicht reißt, denn der Gute Mann am Steuer gibt nun richtig Gas. Unser Heck ist fast komplett im Wasser. So schnell waren wir wohl noch nie unterwegs, aber jetzt ist alles egal, wir sind gleich da!

Abschleppen
Mit Vollgas ans Ziel – Wir waren wohl noch nie so schnell unterwegs

Die ersten Schritte an Land fühlen sich komisch an und ich spüre schon jetzt den Muskelkater in den Waden, der mich übermorgen erwarten wird. Aber auch das ist egal. Marianne ist sicher am Steg festgemacht, Hannes und ich liegen uns in den Armen und es gibt jetzt nur noch einen Gedanken: Wo gibt’s das nächste Bier?

Glückliche Umarmung
Glücklich und erschöpft

4 Gedanken zu „Über den großen Teich – 6 Wochen im Atlantik“

  1. Lieber Hannes,

    wir sind happy, dass Ihr die Reise so gut gemeistert habt. Die Bilder sind toll. In Gedanken sind wir oft bei Euch.
    Dir ganz persönlich alles Liebe zum Geburtstag und auf das Eure Vorhaben wachsen und gedeihen, so wie Ihr es vorhabt.
    Obendrein eine Schippe voll Gesundheit und immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel.
    Küsschen nach Brasilien aus Pinneberg
    am Rande der MegaCity Hamburg

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