Eine Nacht mit Rodriguez

I wonder how many times you’ve been had
And I wonder how many plans have gone bad
I wonder how many times you had sex
I wonder do you know who’ll be next

Zitat aus: “I wonder” von Rodriguez

Manchmal lohnt es sich, die Zähne zusammenzubeißen und das zu machen, an das man glaubt. Dann wird alles gut werden. Wir waren heute auf einem Konzert von einem totgeglaubten Mann, der mehr als 20 Jahre, nach dem er seine erste Platte aufgenommen hat, von dem Ruhm erfuhr, der sich so lange vor ihm versteckt hielt – in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent.

Doch ich muss wohl etwas vorher anfangen. Als wir eines Abends beim Braai (Barbecue, Grillen) im Zululand Yachtclub mit unseren Gitarren und dem Kultliederbuch für ein wenig Amüsement sorgen, werden wir nach all den typischen Segler-Liedern („I am sailing“, „What shall we do with the drunken sailor“, usw.) von Lauren gefragt, ob wir nicht auch etwas von „Rodriguez“ spielen können. Keine Ahnung, von wem sie da spricht, denke ich und nutze die Pause, in der Benni im Buch nach einem Song von ihm blättert, um in die perfekt gegrillte Hähnchenkeule mit knuspriger Haut zu beißen und mit einem großen Schluck vom „Hansa“ Bier herunter zu spülen, unserer Gage für die heutige Bespaßung der versammelten Segler-Gang. Als Ben erklärt, dass es im Buch keine Songs von „Rodriguez“ gäbe und wir, um ehrlich zu sein, auch noch nie von ihm gehört hatten, werden wir ungläubig und auch ein wenig abschätzig von Lauren angeschaut und gefragt, ob wir denn vom Mond kämen. Alle anderen scheinen sich auch über unsere Unwissenheit zu ärgern. Anscheinend ist dieser Typ ziemlich „big in South Africa“.

Einige Wochen später besucht uns Lauren auf unserer Marianne in Simonstown und bringt uns den gerade erschienenen Film „Searching For Sugarman“ mit. Zu dritt machen wir es uns im Vorschiff bequem, das süffige Bier in Reichweite. Bald schon tanzen Lichtkegel vor den Bullaugen, erzeugt von der mit Rauch geschwängerten Luft und versetzen uns in das Detroit der 70er Jahre. Die Dokumentation berichtet mit unzähligen Gänsehautmomenten von der unglaublichen Suche zweier Südafrikaner nach dem amerikanischen Musiker „Rodriguez“. Seine Alben, aufgenommen Anfang der 70er Jahre in den U.S.A.,  verkauften sich millionenfach in Südafrika. Doch da keine Informationen über ihn erhältlich waren, kursierten Gerüchte, dass er sich umgebracht hätte. Während der Aufstände um die Apartheid war er für viele der Soundtrack ihres Lebens und bekannter als Elvis, doch in seinem Heimatland war er ein Niemand. Von seinem riesigen Erfolg auf einem anderen Kontinent erfuhr „Rodriguez“ erst in den 90er Jahren, als er von den beiden Südafrikanern in den Staaten ausfindig gemacht wurde. Sein Leben lang arbeitete er in Detroit auf dem Bau, denn von dem Geld hatte er nie etwas gesehen. Typisch Musikindustrie.

Nachdem er nun ausfindig gemacht wurde, holten die beiden ihn nach Südafrika und hier spielte er ausverkaufte Tourneen in riesigen Hallen und konnte sein Glück kaum fassen. Jetzt, genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir hier sind, soll er wieder in Kapstadt spielen. Doch alle 6 Konzerte des 70-Jährigem sind bereits ausverkauft und es gibt nur noch wenige Tickets für die Konzerte im weit entfernten Johannesburg.

Foto: Greg Beadle

Ein paar Tage später, nach dem unsere Flamme für Rodriguez zu brennen anfing, treffen wir uns mit unserem Kumpel Damien, einem Cousin von Lincoln, in einem hippen Szenelokal in Kapstadt. Weiße Neureiche in den Dreißigern und solche, die es noch werden wollen, trinken hier aus Bayern importiertes Bier aus echten deutschen 0,5 Liter Flaschen, pinken Wodka Cranberry aus Kristallgläsern und essen dazu Weiss- und Käesewurst mit scharfem Senf. Ja, der Schreibfehler in der „Käesewurst“ ist beabsichtigt. Im „&union“ kann sich die Bohème vom Pöbel abheben und man könnte fast vergessen, dass das Ende der Apartheid nun schon zwanzig Jahre her ist. Nur eine weiße Frau hinter der Bar, zwischen all den anderen Schwarzen erinnert daran, dass jetzt eigentlich Gleichberechtigung herrschen soll. Genau hier, wo das Unglück dieses Landes noch zelebriert wird, erfahren wir pures Glück. Damiens Mutter und ihr Freund haben Karten für das „Rodriguez“-Konzert am Abend, doch können leider nicht hingehen. Ob wir nicht wollen, fragt uns Damien und wir sind natürlich dabei! Er warnt uns noch davor, nicht den Zug zu nehmen, die Gegend dort sei wirklich nicht so schön wie hier und auch gefährlich. Die zweihundert Rand (ungefähr zwanzig Euro) wiegen mehr, als die Warnungen von Damien, also nicken wir brav und sitzen wenig später schon im Zug zur „Grand Arena“. Ungläubig schauen wir auf die beiden Tickets im Wert von je umgerechnet 45 Euro.

zugfahren in kapstadtAuf der halbstündigen Fahrt diskutieren Benni und ich die weitere Abendplanung. Nach dem Konzert gibt es keine Züge mehr zurück nach Simons Town und sechzehn Euro pro Nase für ein 12-Bett Zimmer im Hostel wollen wir auch nicht ausgeben. Da nehmen wir doch lieber morgens den ersten Zug und ziehen nachts durch die Bars und bezahlen für flüssige Kost, anstatt teurer Logis!

Kurz vor Ende der Fahrt nimmt die Frau neben uns dann all ihren Mut zusammen, und spricht uns auf Deutsch mit einem starken Akzent an, ob wir denn aus Hamburg kämen. Ich muss kurz überlegen, was ich alles in den letzten fünfzehn Minuten gesagt habe, und schäme mich nur ein klein Bisschen. Hier muss man echt aufpassen, was man so laut in der Öffentlichkeit von sich gibt, bei so vielen Leuten, die Deutsch verstehen. Milli hatte vor einem Jahrzehnt mal einen deutschen Mann und ihre zehnjährige Tochter geht auf die „Deutsche Internationale Schule Kapstadt“. Sie fährt auch zu dem Konzert und so richtig cool finden wir sie, seitdem sie von ihrer Begegnung als Zimmermädchen mit Jamiroquai in einem Hamburger Hotel erzählte. Wir quatschen uns fest und unsere Wege trennen sich erst kurz vor Konzertbeginn, als sie mit ihren Freundinnen auf die weiter von der Bühne entfernten Plätze muss.

Foto: Mallix

Das Konzert war dann aus tontechnischer Sicht ein wenig enttäuschend. Ein sichtlich vom Leben und wahrscheinlich auch dem ein oder anderen Joint gekennzeichneter Rodriguez versucht auf klapprigen Beinen zwei Schlagzeuger, einen Perkussionisten, Keyboarder, Bassisten und zwei Gitarristen zusammenzuhalten. Zwischen den Liedern muss er sich auf den nächsten Song konzentrieren, spielt die ersten Akkorde kurz an und kann sich erst nach sieben Liedern zu einer Ansage hinreißen lassen. Er erzählt den schlechtesten Mickey Mouse Witz den erkennt. Mickey Mouse wird vor dem Scheidungsgericht gefragt, warum er sich denn von Minnie trennen will und er antwortet darauf: „she’s fucking Goofy“.

Immerhin spielt er alle seine Hits und auch den ein oder anderen Blues Klassiker. Nach dem Konzert schwärmen wir mit der gealterten Fanschar nach draußen und treffen Milli wieder. Sie ist natürlich total begeistert und will mit uns jetzt noch durch die Bars ziehen. Wir fragen ein älteres Ehepaar, dass gerade in ein Großraumtaxi steigt, ob wir nicht mitfahren dürfen und sparen schon wieder zwanzig Euro Taxigebühren. Es läuft heute aber auch!

Das Kapstadter Nachtleben in der Longstreet an einem Montagabend ist eher ernüchternd und nach ein paar Bieren und Gesprächen mit weiteren deutschkundigen Südafrikanern landen wir auf Millis Couch, trinken noch ihren letzten Weißwein und schlafen zufrieden ein, ohne auch ein Hotel bezahlt haben zu müssen.

Danke Rodriguez, für den schönen Abend.

Ein Gedanke zu „Eine Nacht mit Rodriguez“

  1. Hallo ihr Weltenbummler
    Ich finde eure Tour absolut genial.
    Ich bewundere Euch und euern Mut und Unternehmergeist.
    Wann kommt ihr wieder zurück nach Deutschland.
    Wahrscheinlich haben Benny und ich uns schon einmal gesehen.
    Ich bin mit Jürgen und Karin befreundet. Die beiden waren im letzten Jahr auch auf meinem
    60 igstn Geburtstag in Hörstel.
    Viele Grüsse von
    Franz Josef Egelkamp

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